Essay zu "Oralität und Literalität. Die Technologisierung des Wortes" von Walter Jackson Ong
Anmerkungen:
1. Sämtlliche Zitate stammen aus Walther Jackson Ong: Oralität und Literalität. Die Technologisierung des Wortes (leider keine genauen Quellenangaben, da die Aufsprache keine Seitenzahlen enthält).2. Sofern sie einverstanden ist und ihr Wert darauf legt, kann ich als Quelle gern eine Kopie der Aufsprache des Buches von Maria Hiebsch ins Sekretariat des IFEE legen.
3. Vielen Dank für den Hinweis auf dieses spannende Buch. Die Lektüre und nähere Beschäftigung damit hat mir in überraschender Weise einen neuen Blickwinkel ermöglicht.
Einleitung
In dem vorliegenden Essay soll es um die Frage gehen, inwiefern ich als blinder Mensch Schwierigkeiten mit dem heutigen Elektronikzeitalter habe. Ich werde versuchen, näher zu erläutern, ob ich stärker als andere Menschen von sekundärer Oralität und weniger von Literalität geprägt bin. Um diese Frage klären zu können, muss natürlich erst einmal definiert werden, was Oralität und Literalität eigentlich ist, und was die Differenzierung von primärer und sekundärer Oralität bedeutet. Um dies zu tun, werde ich mich an W. J. Ongs Buch "Oralität und Literalität. Die Technologisierung des Wortes" orientieren. Nach einem kurzen allgemeinen Darstellung wird zunächst eine Definition der primären Oralität versucht. Daran anschließend beschäftige ich mich mit der Literalität. Es folgt die sekundäre Oralität. Schließlich soll es um meine eigenen Erfahrungen mit der sekundären Oralität im Elektronikzeitalter und um die Beantwortung der eingangs gestellten Fragen gehen.Allgemeines
Alle Menschen haben eine zunächst orale Sprache. Wenn man bedenkt, dass der Mensch seit etwa 30-50.000 Jahren existiert und die erste Schrift, soweit wir wissen, bei den Sumerern um 3500 v. Chr. entstand, wird deutlich, dass das Schreiben im Vergleich zum Oralen ein recht junges Phänomen ist. Auch haben sich nur circa hundert der tausenden von Sprachen, die die Geschichte hervorgebracht hat, so stark schriftlich entwickelt, dass sie eine Literatur hervorbringen konnten. Das Schreiben ist also ein neueres, sekundäres system, das zudem von einem früheren primären System abhängig ist. Auch kommt die Oralität in den meisten Fällen ohne Literalität aus, während dies umgekehrt nicht der Fall ist. Ein weiterer Unterschied besteht darin, dass es keinen ähnlichen Oberbegriff wie Literatur - deutsche Literatur, Kinderliteratur, Trivialliteratur, etc. - für orale Erzeugnisse - Sprichwörter, Gebete, Sagen, etc. - gibt, obwohl letztere wie gesagt viel älter sind. Ein weiterer Unterschied zwischen Oralität und Literalität verweist auf eine Gemeinsamkeit zwischen den Bereichen der sonst recht verschiedenen primären und sekundären Oralität: Sowohl die primäre als auch die sekundäre Oralität sind aus einem starken Gruppensinn heraus entstanden, da das gesprochene Wort eine Gemeinschaft, ein wirkliches Publikum schafft, während das geschriebene den Menschen "immer auf sich selbst zurückwirft."Aber sehen wir uns nun die einzelnen Bereiche primäre Oralität, Literalität und sekundäre Oralität etwas genauer an.
Primäre Oralität
Eine von primärer Oralität geprägte Kultur ist noch nicht mit Schrift und Schreiben in Berührung gekommen oder nur sehr schwach literalisiert, ohne dass sich die Denkmuster bereits verändert hätten. Sie zeichnet sich beispielsweise durch den Gebrauch von Epitheta, die Ausgewogenheit von These und Antithese, formularische Strukturen und das Einfügen von Gemeinplätzen aus. Epitheta sind Phrasen, die in einem Werk immer wieder vorkommen, etwa „und sprach die geflügelten Worte" oder „und sie erhoben die Hände zum leckerbereiteten Mahle." So bestehen Homers Ilias und Odyssee nur zu einem relativ kleinen Teil aus Originellem, sonst aus Epitheta. Dieses Phänomen stellt das gesamte Denken der oral geprägten Kulturen dar, in denen so umfangreiche Dichtungen nur durch Formelhaftes am Vergessen gehindert werden können. Es wird zudem nicht wortwörtlich memoriert, sondern nach bestimmten Schemata, etwa dem Versfuß und/oder inhaltlich formelhaften Elementen wie „der listenreiche Odysseus", „der Rufer im Streit Menelaos", etc. Aufgrund dieser formalen (Denk-)Strukturen gibt es hier auch keine chronologische Ordnung. Dies ist gar nicht möglich, weil man in einer solchen Kultur keine Schrift und somit keine Möglichkeit hatte, eine kontinuierliche chronologische Reihenfolge zu bilden bzw. eine solche Liste zu erstellen. In diesem Zusammenhang stellte also die episodische Strukturierung die "einzige Möglichkeit zur Konzeption und Durchführung längerer Erzählungen" dar.Um in einer primär oralen Kultur etwas Komplexes bewahren zu können, bedarf es aber nicht nur der Kommunikation und des Publikums als Gemeinschaft, sondern auch memorierbarer Gedanken, d.h. die Gedanken müssen formelhaft sein und sich auf rhetorische Figuren stützen. Auch stehen alle Dinge in einem situativen Zusammenhang. So werden etwa das Sammeln und die Weitergabe von Wissen immer in Erzählungen eingebunden. Daher gibt es in oralen Kulturen keine wissenschaftlichen Kategorien.
Literalität
Literalität bedeutet die Durchdringung einer Kultur von der Schrift. Sie ist subordinativ, analytisch, hat eine Vorwärtsbewegung, ist linear, abstrakt, objektiv und distanziert. Und sie isoliert im Gegensatz zur oralen Situation den Erzeuger ihrer Verbalisierung. Dies mag ein Grund dafür sein, dass die erste Literalität auf bestimmte Gruppen beschränkt sein oder bleiben kann. Das gilt vielleicht auch für Genres. So war das Drama das erste und lange einzige Genre, das vollständig von Schrift durchdrungen war. Vielleicht gab es deshalb in diesem Bereich auch keinen Erzähler.Durch das Aufschreiben können Wörter eliminiert, radiert oder ersetzt werden, was in diesem Sinne im oralen Kontext nicht möglich ist. Es kommt außerdem zur Normierung von korrekter Grammatik und korrektem Sprachstil in Wörterbüchern. Diese und die modernen Wissenschaften konnten erst durch die Entwicklung des Buchdrucks entstehen, weil es damit möglich wurde, Texte und Darstellungen in beliebig großer Zahl schnell und verhältnismäßig kostengünstig fehlerfrei zu vervielfältigen. "In einer schreibenden oder druckenden Kultur bindet der Text dasjenige physisch, was er enthält, und ermöglicht es, jedes Gedankengebäude vollständig wiedererstehen zu lassen." Das heute auf elektronische Weise zugängliche Wissen bleibt Repräsentanten oraler Kulturen verschlossen, da es größtenteils erst durch die Entwicklung von Schrift über Druck zur Elektronik gewonnen werden konnte.
Sekundäre Oralität
Kommen wir nun zur im Elektronikzeitalter entstandenen so genannten sekundären Oralität. Sie ist durch Telefon, Radio, Fernsehen und andere elektronische Medien hervorgebracht worden und verdankt ihre Existenz der Schrift und dem Druck. "Diese neue Oralität besitzt eine überraschende Ähnlichkeit mit der alten, sowohl was die Mystik der Partizipation, als auch was ihre Förderung des Gemeinschaftssinnes, ihre Konzentration auf die Gegenwart und auf den Gebrauch von Formeln anbelangt." Der Gruppensinn der sekundären Oralität bezieht sich allerdings auf viel größere Gruppen als in Kulturen primärer Oralität. Es macht eben einen Unterschied, ob ein Stamm eine Erzählung anhört, oder ob bei einer Übertragung in Radio oder Fernsehen hunderttausende oder sogar Millionen Menschen teilnehmen. Politische Akteure werden als Redner durch Radio und Fernsehen einem großen Publikum nahegebracht, aber das Publikum ist im Gegensatz zu dem der primären Oralität abwesend, nicht zu hören oder zu sehen. Es werden kurze Statements seitens der Politiker abgegeben und die Gespräche sind vom Geist der Abgeschlossenheit sowie der Anpassung an literalisierte Strukturen beherrscht. Somit ist die Oralität zwar stark verbreitet, hat zu sich selbst gefunden, ist aber nicht mehr die alte primäre Oralität, sondern zur sekundären Oralität geworden.Eigene Erfahrungen
Selbstverständlich bin ich in einer literalisierten Kultur sozialisiert worden und benutze die elektronischen Medien wie Telefon, Radio und Internet, das Fernsehen mangels Gelegenheit allerdings nur selten. Diese Medien gelten als mitverantwortlich für die so genannte sekundäre Oralität. Also bin ich schon von meiner Ausgangsbasis her sowohl in der typografisch-elektronischen als auch in der sekundär oralen Kultur verankert. Es gibt aber auch noch andere Aspekte, die die Annahme nahe legen, dass ich stärker in der sekundären Oralität verankert bin als andere, sehende Menschen. Beispielsweise nehme ich Literatur überwiegend über interaktive Kommunikation auf, d. h. ich lasse sie mir vorlesen. Zwar lese ich auch gern und meist lieber mit den Fingern, aber es dauert einfach länger als das Vorlesen-Lassen. Auch die Hörbücher, die ebenfalls einen großen Teil meiner Literaturrezeption ausmachen, würde ich zu diesem Bereich rechnen. Zwar lerne ich die Sprecher niemals persönlich kennen, aber es ist doch eine auditive und nicht chierografische Aufnahme von Literatur.Meine täglichen Wege durch die Stadt erfordern ebenfalls ein hohes Maß an Interaktivität und Kommunikation, weil ich oft an unübersichtlichen Stellen um Hilfe bitten muss. Ein Sehender würde in diesem Fall Hinweisschilder, Straßenkarten u.ä. zur Verfügung haben oder ggf. kurz fragen und sich etwas beschreiben lassen. Von diesen Hilfsmitteln kann ich keinen Gebrauch machen, sondern ich muss mich führen lassen.
Ein weiterer Hinweis für meine verstärkte sekundäre Oralität ist mein gutes Gedächtnis. Dieses beschränkt sich nicht nur auf das Auswendiglernen von Telefonnummern, Liedtexten, Gedichten o.ä., sondern verschafft mir auch die Möglichkeit, mir Inhalte von Witzen, Märchen, längeren Erzählungen o.ä. gut zu merken. Die Techniken dabei sind dann eher oral, da ich mir natürlich nicht wortwörtlich merken kann, wie genau jemand ein Ereignis oder eine Geschichte erzählt hat. Andere Menschen wundern sich dann oft über mein gutes Gedächtnis bzw. Erinnerungsvermögen. Ich denke, der Ursprung dafür liegt in der Tatsache, dass ich nicht so leicht noch einmal auf einem Zettel nachsehen kann und somit oft gezwungen bin, mir Dinge im Kopf einzuprägen.
Natürlich gibt es auch Gegenbeispiele, etwa mein Studium. Die Fähigkeit, komplexe Zusammenhänge in den Wissenschaften zu analysieren ist bekanntlich ein literales Phänomen. Doch auch hier könnte sich wieder meine stärkere Verankerung in der Oralität zeigen lassen. Denn ich habe Schwierigkeiten, mich in stark logische Zusammenhänge wie in den Naturwissenschaften oder der Philosophie einzudenken. Aus diesem Grund könnte auch Linguistik mein Schwachpunkt in meinem Kernfach Deutsch geworden sein. Zwar habe ich im ersten Semester auch einen schlechten Dozenten gehabt und es ist auch nicht so, dass mir linguistische Zusammenhänge völlig fremd sind; aber ich merke doch immer wieder, dass ich mich dort nicht so leicht eindenken kann wie beispielsweise in der Literatur.
An einer anderen Stelle kann ich allerdings nicht an den neuen Medien teilhaben: Das betrifft die Werbung an Littfasssäulen oder in U-Bahnhöfen sowie Grafitti o.ä. Auch die für die Oralität wesentlichen Dinge wie Gesten, Körperhaltung, Kleidung etc. kann ich natürlich nicht wahrnehmen. Dafür habe ich über den auditiven Eindruck von Stimmen manchmal eine ganz andere Möglichkeit, einen Zugang zu Menschen zu finden.
Aber natürlich ist die Tatsache, dass ich Nutzerin der gegenwärtigen Medien bin und mich an eine stark normierte Grammatik sowie an Wörterbücher zu halten habe, ein starkes Indiz für meine literale Verankerung. Auch sind die Texte, die ich auditiv aufnehme, selbstverständlich literal, da sie geschrieben und gedruckt sind. Es geht hier ja auch nicht darum, eine Verankerung in primärer Kultur meinerseits zu beweisen; das wäre sowieso ein aussichtsloses Vorhaben.
Fazit
Es stellt sich nach diesen Erörterungen also heraus, dass ein blinder Mensch durchaus stärker in der sekundären Oralität verankert sein könnte als Sehende. Dies trifft meiner Meinung nach auch auf mich persönlich zu, obwohl ich durch meine Schwerhörigkeit auch oft an Grenzen stoße. Ich möchte aber betonen, dass dieser Eindruck sehr subjektiv ist. Ein anderer Schreiber würde vielleicht zu einem sehr unterschiedlichen Ergebnis kommen.(Katrin Dinges, 2007)
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