Einleitung vom Deutschen Blinden- und Sehbehindertenverband (DBSV):
Diesen Monat lassen wir mal die Arbeitswelt links liegen und begeben uns einen Schritt zurück. Vor ihrem Start ins Berufsleben lässt uns diesen Monat die selbst blinde und hörbehinderte Katrin in einem Rückblick noch einmal an ihrem Studium teilhaben, das sie gerade bravourös beendet hat:
Mein Studium - Rückblick und Ausblick
Von Katrin DingesJetzt bin ich endlich fertig - so richtig! Hat auch lang genug gedauert – 13 Jahre aufgrund einiger von mir mehr oder weniger beeinflussbarer Faktoren… Aber darum geht es hier nicht. Auch nicht um meine Note, auf die ich am Ende ganz schön stolz bin, denn so ein Einser-Schnitt macht sich nicht von alleine und ist auch nicht nur durch Sympathie-Pünktchen aufgrund der Behinderung zu erklären. Aber ich will hier nicht prahlen, sondern euch den Mund wässrig machen auf ein Studium.
Meine Fächer
Was habe ich eigentlich studiert und was macht Frau da so (denn die Kommilitonen männlichen Geschlechts halten sich wirklich in Grenzen)?Meine Fächer schimpfen sich Deutsche Literatur und Europäische Ethnologie. Was man in meinem sogenannten Kernfach macht, können sich die meisten gerade noch vorstellen: Texte lesen. Genauer gesagt alles (un-)mögliche von etwa 800 n.u.Z, also von den ersten überlieferten Schriftlichen Quellen auf (Althoch-)deutsch bis zur Gegenwart. Darüber wird diskutiert, die Texte werden interpretiert, wenn es ganz gut läuft, schreibt man in Einzelfällen auch mal selbst welche, wobei sich das Angebot an Lyrikkursen leider sehr in Grenzen hielt. Wer allerdings als blinde und schwerhörige Studentin mit dem Lesepensum mithalten will, muss schon sehr fleißig sein und sich notfalls auch die Nächte um die Ohren schlagen. Ich habe mich aus Zeitgründen häufig auf die Primärtexte beschränkt und dabei nebenher sehr viel über gutes Formulieren, brillante Wortwitze und scharfe Zungenfertigkeit gelernt. Auch darüber, was ich definitiv nicht mag. Und dass ich inzwischen was Stil, Rechtschreibung und Grammatik angeht eine echte Perfektionistin geworden bin: Gib mir einen Text - egal, wie toll geschrieben - und ich finde garantiert noch etwas, das man verbessern könnte! Dafür ist mir entgangen, was meine Kommilitonen beim Lesen von Sekundärtexten (also Fachtexten über Literatur) automatisch aufgesogen haben – nämlich wie man selbst wissenschaftliche Texte schreibt. Das war bis zum Schluss ein harter Kampf!
Mein Zweitfach zu erklären, ist schon schwieriger. "Europäische waaaas bitte?" werde ich bei Erwähnung häufig gefragt. Europäische Ethnologie ist ein sehr interdisziplinärer Studiengang, der sich mit allem beschäftigt,was mit Kultur und Gesellschaft zusammenhängt: Von Politik über Geschichte, Soziologie, Medien bis hin zu Erinnerungs-, Stadt-, Jugend-, Garten-, Esskultur, Religion und zuweilen sogar Medizin. Aus diesem bunten Salat darf sich dann jede*r ihre*seine ganz persönliche Lieblingsmixtur zusammenstellen. Ich habe v.a. was zu Medien und Erinnerungskultur gemacht, gewürzt mit einer Prise Stadtkultur und einem winzigen Körnchen Medizin. Gibt aber auch Leute, die z.B. viel zu Museen forschen. Das hab ich zwar im Studium nicht gemacht, hab aber jetzt im Nachhinein ein bisschen damit zu tun. Also auch lohnenswert!
Warum hab ich das studiert?
Mein erstes Interesse galt auf jeden Fall der Literatur. Es war mir ziemlich früh klar, dass ich mich mit Literatur beschäftigen wollte - sicher auch meiner Leistungskurslehrerin geschuldet, die es nicht nur verstanden hat, meine Faszination an guter Sprache zu fördern, sondern auch, mir zu zeigen, was eine gute Diskussion unter interessierten Mitstreiterinnen für eine Freude sein kann. Davon wollte ich einfach noch jede Menge mehr. Meine weiteren Interessen gruppierten sich um Sprachen und Geschichte. In meiner Schule gab es ein Fach namens „Politische Weltkunde“, eine Mischung aus Geografie, Politikwissenschaft und Geschichte. Ich war zwar nie richtig gut darin, aber interessiert hat es mich schon sehr. Rein Geschichte wollte ich nicht studieren, weil ich keine Lust auf prähistorische Forschungen hatte und für Politik hab ich mich zu wenig interessiert. Mein Plan war erst, so was wie Skandinavistik oder Slavistik zu studieren, aber ich sorgte mich um vermeintlich nötige Sprachkenntnisse, die ich nicht hatte. Europäische Ethnologie schien mir zuerst in die Richtung zu gehen, in die ich wollte - war dann aber doch deutlich anders! Trotzdem bin ich froh über diesen Studiengang, denn da ihn so wenige belegen und weil er so interdisziplinär angelegt ist, habe ich mich am Institut sehr wohl gefühlt. Außerdem hatte ich das Glück, im Kontext Medien und Erinnerungskultur meine beiden Fächer miteinander verbinden zu können und schon im Bachelor sehr eigenständig zu forschen, was mir in meinem Kernfach so nicht möglich gewesen wäre.Warum hab ich das studiert?Welche Voraussetzungen braucht ein Studium generell und in diesen Fächern im Besonderen?
Auf jeden Fall sollte jede*r, die*der sich für ein Studium entschließt, viel Ausdauer und Disziplin mitbringen. Ein Studium über mehrere Jahre durchzuhalten, erfordert Kraft und einen starken Willen. Auch Durchsetzungsvermögen sollte vorhanden sein, um nötige Hilfen wie Schreibzeitverlängerungen und Assistenz zu bekommen oder sich gegen unfaire Dozenten wehren zu können (daran hat es mir leider z.T. arg gemangelt, obwohl die meisten das nicht von mir denken würden).Ganz wichtig ist es, sich vorher gründlich über das Studium zu informieren, mit Leuten zu sprechen, die das schon studieren, am besten auch mit Dozentinnen, Studien(fach)beratung und der Stelle, die die Assistenz finanzieren würde, studentischen Vertretungen für behinderte Studis usw.
Für meine Fächer im Besonderen sollte man sich dafür begeistern können, dicke Bücher in manchmal recht knapp bemessener Zeit zu lesen, die oft noch kürzer ist, als die der Kommilitoninnen, weil viele Werke nicht barrierefrei vorhanden sind und man sie sich erst so aufbereiten lassen muss, dass sie selbst gelesen werden können. Auch an Diskussionen über die unterschiedlichsten Primärtexte aus verschiedenen Epochen teilzunehmen sollte Freude bereiten. In Ethno kann so ziemlich alles gemacht werden, was mit Kultur und Gesellschaft zu tun hat. Ein bisschen liegt es natürlich daran, was an Seminaren angeboten wird, aber jede*r kann und soll sich dort ihr*sein eigenes Profil schaffen. Das setzt aber den Willen voraus, viel auszuprobieren und nach und nach herauszufinden, welche Themen dich faszinieren und was du eher langweilig findest. Oder was zu viel ist. Manche Dozenten verlangen unverschämt viel Lektüre, die als blinde Studentin einfach nicht zu leisten ist - z.B. mehrere hundert Seiten innerhalb einer Woche. Das sind Kurse, die ich sein lassen musste, auch wenn sie inhaltlich noch so interessant waren. Wo schon die sehenden Kommilitonen gestöhnt haben, konnte ich beim besten Willen nicht mithalten!
Du solltest auch keine scheu haben, deine Meinung über einen Text oder ein Thema gegenüber anderen frei heraus auszusprechen, die ganz andere Standpunkte vertreten, weil sie Das ist gerade der Reiz an einem interdisziplinären Studium: dass so viele Facetten zu einem Thema zusammengetragen werden, weil jede*r ihren*seinen fachlichen und z.T auch persönlichen Hintergrund in die Gespräche mit einbringt. Es gab Seminare, aus denen ich immer zu spät, aber dafür begeistert rausgekommen bin und immer noch gerne mehr erfahren hätte. Genau so sollte sich ein guter Kurs anfühlen!
Dozentinnen
Die besten Kurse sind für mich die gewesen, in denen ich nicht nur fachlich, sondern auch persönlich etwas gelernt habe, in denen ich das Gefühl hatte, dass den Lehrenden an jedem einzelnen von uns und unserer persönlichen Weiterentwicklung gelegen war, die fachlich fundiert referiert, aber auch genügend Raum für Beteiligung ließen – sowohl durch Gruppenreferate als auch durch spannende Diskussionen. Solche Leute haben auch mich meist ernst genommen, die Hilfe gegeben, die nötig war, aber auch nicht mehr, das heißt mich ansonsten wie alle anderen behandelt. Schlechte Kurse waren solche, wo ich nach 5 Min. mit den Gedanken ganz woanders war als beim Stoff. Das passiert automatisch, wenn man merkt, die da vorne haben keine Lust zum Unterrichten. Wir Studis sind denen völlig egal und am liebsten wollen die nur forschen. Warum Uni-Dozentinnen keine Didaktikkurse machen müssen, wo sie doch z.t. die angehenden Lehrer*innen Unterrichten, werde ich nie verstehen. Manche stehen da vorne und lesen einfach ab, am besten noch ihr eigenes Buch - und dabei soll ich noch Begeisterung für mein Studium empfinden!? Dann gab es noch Kurse, die nur aus schlechten Referaten bestanden, bei denen ich dachte: Warum sitze ich jetzt hier? Das kann ich mir alles - ohne nervöse Kommilitonin - aus Wikipedia zusammenstoppeln!Was den Umgang mit mir anging, habe ich alles erlebt von größter Unsicherheit bis hin zu totaler Souveränität. Allerdings hat nur eine einzige Dozentin je eingestanden, dass sie mir gegenüber unsicher war, weil sie noch nie eine blinde Studentin hatte. Fand ich total mutig! Sie hat mich vor Beginn des Seminars zu einem Gespräch gebeten und mir aufgetragen, ihr zu sagen, was ich brauche und sie daran zu erinnern, falls sie etwas vergesse. Viele mussten mir ihre Bewunderung ausdrücken: "Das ist ja so toll, wie Sie das machen!" Mich hat das immer verlegen gemacht, denn wer war ich denn? Allenfalls ein bunter Hund, der immer Extrawürste brauchte. Was hatte ich denn fachlich geleistet? Da saßen nun Koryphäen der Wissenschaft mit sonst welchen internationalen Auszeichnungen und mussten mich kleine Studentin bewundern, bloß weil ich blind bin! Diese Form von Bewunderung will ich nicht. Ich will, dass meine Leistung ohne Abstriche anerkannt wird.
Später habe ich meine Einstellung allerdings etwas geändert: Wenn es mit fachlichem Respekt gepaart ist, wenn die Leute sagen, ich habe was drauf und zusätzlich sagen sie, sie wüssten nicht, wie sie das in meiner Situation hinkriegen sollten, dann finde ich das ok. Es gab für mich an der Uni kein größeres Lob, als wenn eine Dozentin, die fachlich schon Jahre oder jahrzehntelang fest im Sattel sitzt, mir die Hand drückt und mir sagt, dass ich großartige Ideen habe und ihr neue Gedanken ermögliche. Das ist es, worauf ich wirklich stolz bin!
Studienassistenz
Auf jeden Fall geht das alles nicht ohne Assistenz. Wie viele Stunden die mir vorgelesen, Texte rausgesucht, gescannt, umgewandelt, Bücher ausgeliehen und zurückgebracht, Formulare ausgefüllt, Grafiken erklärt oder fühlbar gemacht, mich zu Seminaren begleitet, mitgeschrieben, abgetippt, korrigiert, Layout gemacht und mich oft genug auch wieder aufgebaut haben, wenn mich die Detailarbeit in den Wahnsinn getrieben hat oder meine Kräfte aufgebraucht waren, kann und will ich nicht ausrechnen. Unschätzbar, diese Mädels und in einzelnen Fällen auch Jungs, die mich durchs Studium gezogen und geschoben haben und ohne die zuletzt nicht einmal mehr ein Seminarbesuch - geschweige denn eine sinnvolle Beteiligung! - möglich gewesen wäre, weil mein Gehör während des Studiums so stark nachgelassen hat, dass ich ohne Verschriftlichung nichts mehr verstanden hätte. Sie sind meine unbesungenen Heldinnen und Helden!Hier in Berlin wird die Assistenz vom Studentenwerk bezahlt, nicht wie in anderen Bundesländern vom Sozialamt, aber es ist trotzdem eine Eingliederungsmaßnahme, nur aus einem anderen Topf. Berlin braucht anscheinend immer eine Extrawurst.
Allen, die sich auf ein Studium einlassen, sei dringend empfohlen, sich frühzeitig darum zu kümmern, wer ihnen assistieren könnte und wo das Geld dafür her kommen wird. Ich hab mir meine Leute immer durch Rumfragen im Studium, Aushänge und Mails an Uni-Verteiler gesucht. Aber da muss jede*r ihr*seine eigene Strategie finden.
Fazit und Ausblick
Abschließend möchte ich noch betonen, dass das Studium über die fachliche Kompetenz hinaus, auch jede Menge andere gute Seiten hatte: Ich habe enorm viel fürs Leben gelernt, meinen Horizont erweitert und mich persönlich enorm weiterentwickelt. Auch der umfangreiche Praxis- bzw. Berufsvorbereitungsteil hat mir sehr viel gebracht, obwohl ich da deutlich mehr gemacht habe, als eigentlich verlangt war (einer der Gründe, weshalb mein Studium so lange gedauert hat). Ich habe jede Menge kluge Köpfe und grandiose Schreiberlinge kennengelernt - meine Neugier auf bestimmte Bereiche der Literatur sowie meine Faszination und Bewunderung für diese brillanten Federfüchsinnen und -Fuchser sind durch das Studium noch größer geworden. Es hat sich gelohnt, auch wenn es manchmal ein arger Kampf war, und ich bin sogar ein bisschen traurig, dass es jetzt unwiderruflich zu Ende ist, dieses Unileben, das mehr als ein Drittel meines Lebens eingenommen hat.(geschrieben im Oktober 2018)
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