Land Art und Lyric in Liebenberg
Ein leichter Wind streicht über die Wiesen und verfängt sich in meinem langen Haar, streichelt mein Gesicht und duftet nach Gras, während die Sonne meine Haut wärmt. Eine friedliche Stimmung an einem warmen Sonntag Nachmittag draußen im Freien. Zwischen Bäumen sind Sitzgelegenheiten aufgebaut. Das ist die so genannte Klanginsel. Aus großen Boxen strömt Musik über die Köpfe der Besucher*innen. Es ist sanfte Musik, deren Töne ineinander übergehen. Sie erinnert mich ein wenig an Klangschalen, deren Töne ineinanderfließen, sich überlagern, zum Teil zu Dissonanzen führen und später wieder harmonisch werden."Das erinnert mich an den Kreislauf der Jahreszeiten", sagt eine Besucherin und zeigt mir ihr Kunstwerk, das sie eben hergestellt hat: Es besteht aus mehreren Blättern, über denen ein Kranz aus kleinen Zweigen mit einer Art Kugel oder Knospen oder Früchten angebracht worden sind. Sie sagt, die Blätter seien schon etwas älter und sie wolle den Kreislauf der Natur darstellen - den Prozess, bei dem immer wieder etwas verwelke und neu geschaffen werde. Daran erinnere sie auch die Musik, die sie eben auf de Klanginsel gehört habe. Sie habe so etwas Fließendes, Gleitendes, ineinander Übergehendes, das sehr beruhigend und schön sei und so empfinde sie auch diese ständige Wandlung in der Natur. Wir schreiben einen Text zu genau diesem Thema, ich tippe ihn in Braille und wir schreiben ihn in Braille und Schwarzschrift auf ein farbiges Blatt, das zusammen mit dem Kunstwerk aufgehängt wird. Auf diese Weise wollen wir Musik für die Hände erfahrbar machen. Die Kunstwerke können abgetastet werden und über die Lyrik und die fühlbaren Texte gibt es eine weitere Komponente für die haptische Umsetzung von Musik. Genau wie die Workshops zur Visualisierung von Musik durch DGS und der Drum-Circle gehört dieser Ansatz zu unserer inklusiven Arbeit, damit auch Menschen, die Musik nicht hören oder sehen können, eine Möglichkeit haben, sie wahrzunehmen. Da wir an einem wunderschönen Naturort sind und ich sowieso gerne mit Lyrik und Worten arbeite, haben wir diese beiden Komponenten zusammengebracht.
Aber was machen wir hier eigentlich?
Heute, am 26. August 2018, bin ich mit dem "Platz da!" Team, einem inklusiven Unternehmen, das barrierefreie Kulturvermittlung und Prozessbegleitung für Inklusion anbietet, auf dem Gelände vom Schloss & Gut Liebenberg in Brandenburg, wohin wir aus Berlin gefahren sind. Dort findet ein Fest zu klassischer Musik statt. Wir haben dort eine "Platz da!" Aktion mit vier Angeboten gestaltet: Einen Sensibilisierungs-Parcours der in der Klanginsel endet und die Besucher*innen einlädt, Musik mit Hilfsmitteln wie Masken, Brillen, Kopfhörern und Oropax anders zu erleben.
Als zweites gibt es einen DGS-Schnupperkurs zum Thema Musik mit einem gehörlosen Dozenten, zu dem die Besucher*innen sich fest anmelden müssen. Das dritte Angebot besteht aus einem ebenfalls für eine feste Gruppe gestalteten Drum Circle, in dem sich die Leute so richtig austoben und unter Anleitung eines anderen Kulturvermittlers Perkussoninstrumente ausprobieren können. Die letzte Station, an der auch ich mit meinen beiden Assistentinnen beteiligt bin, besteht aus einem Land Art Angebot und dazu entstehender Lyrik; natürlich beides ebenfalls zum Thema Musik. Land Art bedeutet, dass die Leute, die zu uns kommen, Kunst in der Natur mit der Natur machen. Also mit Naturmaterialien wie Moos, Steinen, Blättern, Stöcken, Blüten usw. Wir haben kleine Pappkarten mit doppelseitigem Klebeband vorbereitet, so dass eine etwa handtellergroße quadratische Fläche zum Gestalten zur Verfügung steht.
Wichtig wäre noch da Motto jedes Workshops zu erwähnen: Im Drum Circle: Musik selber machen, im DGS-Schnupperkurs: Musik sichtbar machen, beim Sensibilisierungs-Parcours: Musik anders erleben und bei Land Art und -Lyrik: Musik ertastbar machen.
Die Leute kommen anschließend mit ihren Musikkarten zu mir, lassen sie mich ertasten, erklären mir, was sie wie warum gemacht haben und dann schreibe ich mit ihnen zusammen dazu einen Text.
Die Frau mit dem Kunstwerk, das ich zunächst als einen abstrakten Stern interpretiert habe und bei der sich herausstellte, dass es sich um den natürlichen Kreislauf von Werden und Vergehen dreht, sagt, sie habe daran gedacht, dass es in der Natur zwar Vergänglichkeit, aber auch immer wieder Neues gebe. Die Musik, die sie gehört habe, erinnere sie daran. Dieser Zusammenhang kam dann auch in ihrem Text vor.
Eine andere Besucherin, ein Mädchen, sagt, sie hätte die Musik bezaubernd, fast magisch empfunden. Das schreibt sie auch in ihrem Text.
Zwei weitere Menschen hängen ihre beiden Land-Art-Musik-Karten zusammen mit ihrem gedichteten Text aufgehängt, der zwar nicht so viel mit Musik zu tun hatte, aber auch schön geworden ist.
Es ist wirklich eine große Freude, mit den Besucherinnen zu arbeiten, aber ich muss sie auch immer wieder auf das Thema Musik zurückführen. Der Zusammenhang zwischen unserer Aktion mit der Land Lyrik, wie ich das Zusammenspiel von Land Art und Lyrik vor kurzem getauft habe und dem Musikfest scheint vielen nicht gleich verständlich, Aber es ist für mich eine Bereicherung, dass ich endlich wieder nicht ausschließlich zum Thema Behinderung arbeite, sondern mit den Leuten etwas kreativ gestalte. Eine echt schöne Erfahrung. Das würde ich sehr gern bald einmal wieder anbieten.
Wenn ihr jetzt neugierig auf mich geworden seid und gern mehr über mich und meine künstlerische Arbeit wissen wollt, schreibt mir eine Mail an:
dingeska@gmail.com
Wer Interesse an einem Workshop hätte oder das "Platz da!" Unternehmen oder die anderen Kunst- und Kultur-Vermittlerinnen kennenlernen möchte, kann sich gern an unser Team wenden:
Email: platzda@mailbox.org
Website: www.platzda.berlin
Facebook: PlatzdaKunstvermittlung
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