„Unsere Arbeit würde es in einer perfekteren Welt nicht geben ...“
Juliane Schickedanz, Co-Direktorin der Kunsthalle Osnabrück, und Christel Schulte, Kuratorin für Publikumsteilhabe und Lernen, sprechen mit Stefanie Wiens und Katrin Dinges von Platz da!, der barrierefreien Kulturvermittlung und Prozessbegleitung für Inklusion, über die Beratung von Museen, über Zeit und radikale Transparenz.Juliane Schickedanz (JS): Museen und Kunsthallen sind öffentlich geförderte Häuser. Welche Öffentlichkeit wünscht ihr euch von uns?
Katrin Dinges (KD): Ich wünsche mir Veranstaltungen, zu denen der barrierefreie Zugang für unterschiedlichste Menschen selbstverständlich ist. Als Künstlerin ist mir wichtig, dass die Barrierefreiheit nicht plakativ im Vordergrund steht. Wenn ich zu einer Veranstaltung eingeladen werde, möchte ich mich über Kunst und Inhalte unterhalten. Meine Behinderung soll nicht im Mittelpunkt stehen. Ich bevorzuge eine sensibilisierende und subtile Aufklärung. So einen Umgang würde ich mir von der Öffentlichkeit wünschen.
Stefanie Wiens (SW): Meine Antwort orientiert sich an den drei „P“: Personal, Programm, Publikum. Ich wünsche mir, dass sich in Institutionen die Vielfalt der Gesellschaft vor und hinter den Kulissen widerspiegelt. Das heißt, ich wünsche mir, dass es Personal gibt, welches in Museen und Kunsteinrichtungen vielfältig aufgestellt ist, und dadurch verschiedene Perspektiven bei der Ausstellungsgestaltung mitgedacht werden. Ich glaube, dass wir dann weniger um ein barrierefreies Programm, experimentelle Formate und ein vielfältiges Publikum vor den Kulissen der Einrichtungen kämpfen müssten.
JS: Danke für eure Perspektive, die auch widerspiegelt, wie wir zukünftig Programme gestalten wollen. Uns würde an dieser Stelle interessieren, was die ideale Ausstellung für euch wäre. Gibt es überhaupt ein Ideal für alle?
KD: Ich glaube es ist schwierig, von einem Ideal für alle zu sprechen. Ideal wäre für mich ein selbstverständlicher Zugang, den möglichst viele Menschen barrierefrei nutzen können und der gleichzeitig noch Raum für Flexibilität und Veränderungen lässt. Ich freue mich, wenn meine Zugangsbedürfnisse erfüllt sind, aber noch mehr freut es mich, wenn auch die Zugangsbedürfnisse anderer Menschen erfüllt werden. Das muss nicht unbedingt jemand mit einer Behinderung sein. Es kann auch heißen, dass es familienfreundlich ist, oder dass es Zugänge für Menschen gibt, die andere Sprachen sprechen.
SW: Es sollte ein Minimum an Zugang und Barrierefreiheit als Standard geben, der sich durchsetzt. Für Websites im öffentlichen Bereich gibt es die BarrierefreieInformationstechnik-Verordnung, die BITV 2.0, die vorschreibt, was auf einer Website in welcher Weise barrierefrei gestaltet werden sollte. Ich würde mir wünschen, dass es so etwas wie die BITV 2.0 auch im Ausstellungsbereich gibt. Ich denke dabei an Gebärdensprache, an Leichte Sprache, an taktile Elemente – grundlegende Dinge also, die mitgedacht werden müssen. Ebenso ideal wäre im Grunde auch – im Sinne eines Minimums – eine radikale Transparenz. Wenn also eine Institution offen zugibt, was sie noch nicht an Zugängen geschaffen hat, diese aber mitdenkt und bereit ist, dies zu kommunizieren. Wenn sich eine Institution eingesteht, eine lernende Organisation zu sein, die in Zukunft mehr daran denken möchte.
Christel Schulte (CS): Führt denn der digitale Raum in Zeiten von Corona zu mehr Teilhabe oder stellt er letztendlich eine neue Barriere dar?
KD: Einerseits ist es insgesamt zugänglicher, weil Anfahrten wegfallen. Es ist oft anstrengend den Weg und die Veranstaltung körperlich zu bewältigen. Digital ist es für mich allerdings auch nicht leicht, weil ich bisher kein barrierefreies Chat oder Streamingtool gefunden habe. Im Moment kann ich Angebote nur mit einer Assistenz nutzen.
SW: Ich habe festgestellt, dass Tools wie Zoom für taube und schwerhörige Menschen zugänglich sind, weil sie visuell funktionieren. Man kann problemlos Schriftdolmetscher:innen zuschalten, die das Gesagte direkt als Untertitel im Chat verschriftlichen, und Dolmetscher:innen können in einem Fenster direkt in Gebärdensprache übersetzen. Menschen mit Sehbeeinträchtigung und blinde Menschen werden jedoch oftmals ausgeschlossen, da ein Erkennen von Buttons, Cursor usw. vorausgesetzt wird. Genauso wenig kann aber der Besitz eines Computers und eines Internetzugangs automatisch vorausgesetzt werden.
CS: Was gibt es noch für Widerstände, die ihr im Rahmen eurer Arbeit immer wieder erfahren müsst?
SW: Oft sind diejenigen, die wie z. B. das Aufsichtspersonal mit den Besucher:innen am meisten zu tun haben, am wenigsten geschult und wissen beispielsweise nicht, wie sie mit tauben Besucher:innen umgehen sollen. Die Kunstvermittler:innen sind häufig die Wandeltreiber:innen in den Institutionen, die sich freuen, dass wir beratend ins Haus kommen. Denn sie erfahren selbst die meisten Widerstände in den eigenen Häusern. Ihnen fehlen oft die nötigen Ressourcen oder das Geld für Weiterbildungen und für Veränderungen. Am Ende geht es eben doch um den Entscheidungswillen zur Investition – und dieser muss von der Leitung des Hauses kommen.
KD: Oft habe ich erlebt, dass eine Einrichtung dachte, sie hätte schon alles Mögliche zum Thema Barrierefreiheit geleistet, und verblüfft war, als wir deutlich machten, dass für behinderte Men schen weiterhin Barrieren bestehen und zusätzliche Verbesserungen nötig sind. Das zeigt eigentlich schon, dass sich an den Strukturen im Denken, aber auch an der Herangehensweise und Planung sehr wenig verändert hat. Wenn sich die Institution nicht öffnet, dann ist das enttäuschend.SW: Das Nicht-Einsehen, bestimmte Menschen und Perspektiven vergessen zu haben, ist ein Punkt, wo ich an meine Grenzen stoße. Und wenn die Einstellung gegenüber Inklusion als en vogue, nicht aber als Menschenrecht verstanden wird, dann ist das ein riesiger Widerstand.
CS: Also können wir das überhaupt ohne euch? Ohne Platz da!?
SW: Also ich hoffe, dass mein Platz irgendwann obsolet wird. Meinen Platz würde es in einer perfekteren Welt nicht mehr geben.
KD: Vor allem durch den persönlichen Kontakt lassen sich Veränderungen erreichen. Man sensibilisiert und reflektiert dadurch die Bedürfnisse der anderen Person. Man muss dabei aber immer einen Schritt zurücktreten, jede Person individuell betrachten und Fragen stellen: „Wie ist es für dich? Was brauchst du jetzt gerade?“ Das ist für mich das Wichtigste. Auch wenn man „groß“ plant, dieser individuelle Aspekt bleibt immer. Man sollte also einen kleinen flexiblen Rahmen offenhalten, um auf individuelle Besonderheiten eingehen zu können.
JS: Sowohl das emotionale Erreichen der Beteiligten als auch der Moment des Freiraums sind zwei wichtige Punkte einer grundsätzlichen Museumsarbeit. Immer geht es dabei um Zeit. Be sonders bei diesem Projekt habe ich das Gefühl, dass wir eine antikapitalistische Praxis brauchen. Wie beschreibt ihr eure Perspektive auf das Thema Zeit in eurer Praxis?
KD: Ich finde, Zeit ist das Allerwichtigste. Zeit für Kommunikation, Zeit um inhaltlich Dinge zu appellieren, und Zeit um etwas Haptisches her zustellen. Dolmetscher:innen brauchen Zeit, genauso wie Verschriftlichungen. Das alles braucht Zeit, Geduld und auch Geld. Gerade im Kunstbetrieb habe ich die Erfahrungen gemacht, dass alles sehr schnell gehen muss: Man hat vielleicht vier Wochen für eine Ausstellung und dann ist sie auch schon wieder vorbei. Und in diesen vier Wochen soll man sich in die Ausstellung einarbeiten und ein Vermittlungsformat erarbeiten. Das ist auf inklusiver Ebene kaum zu schaffen. Wenn Ausschlüsse mit Zeit- oder Geldmangel argumentiert werden, geht dadurch sehr viel wertvolles Potenzial verloren.
SW: Diese Frage trifft den größten Schmerzpunkt. Bei uns braucht alles Zeit. Und weil die Institutionen meist zu wenig Zeit haben, braucht es Platz da! überhaupt noch. Weil wir uns eine andere Arbeitswelt und -realität schaffen müssen, die inklusiver ist, um unsere Arbeit überhaupt machen zu können. Von den Institutionen haben wir schon oft gespiegelt bekommen, dass die Zusammenarbeit mit uns manchmal schwer auszuhalten gewesen sei, weil wir so langsam und entschleunigt arbeiten. Den meisten ist nicht einmal bewusst, dass ihre Arbeitsweise Menschen ausschließt. Wir versuchen hier Gegenmittel zu finden. Und tatsächlich wollen die meisten Mitarbeiter:innen der beratenen Einrichtungen das auch – mit oder ohne Behinderung. Weil sie gar nicht so arbeiten wollen; weil sie darunter leiden, immer nur zu produzieren ohne zu reflektieren. Inklusion bedeutet Entschleunigung. Und ohne Entschleunigung wird es keine Veränderung im Kunstbetrieb geben.
(erschienen im Reader Barrierefreiheit der Kunsthalle Osnabrück, 2021)
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