Ein ganz "normaler", ungewöhnlich kostbarer Tag
Gestern saß ich das erste Mal seit Ewigkeiten wieder in einem Garten. Ich habe mich vom Wind umwehen, von einer kleinen Spinne und einem Marienkäfer bekrabbeln lassen. Ich habe Beete gegossen, kleine Pflanzen berührt und Blumen gesetzt. Es gibt dort einen Mini-Apfelbaum, der gerademal so kurz ist wie ich. Es riecht wie früher bei meinen Großeltern, nach feuchter Erde, Gras und staubiger, schattiger Laube. Ein Kindheitsgeruch - neu und doch vertraut. Wir sitzen auf der Hollywoodschaukel, unterhalten uns, genießen die Sonne und essen Kekse. Eigentlich ein ganz "gewöhnlicher" Frühlingstag. Eine Freundin hatte mich mitgenommen, um mir ihr neues kleines Reich zu zeigen. Sie hat den Garten erst seit dem letzten Herbst und ist zurecht stolz darauf. Das wird ein richtiges kleines Paradies, sagt sie. Für mich ist es das jetzt schon. Die Ruhe, Stille und die Abwesenheit von Abgasgerüchen mitten in der Stadt sind eine Wohltat. Dieser kleine grüne Ort strahlt einen unendlichen Frieden aus. Vielleicht auch, weil ich seit Wochen eigentlich nur noch zwischen meiner Wohnung und lebensnotwendigen Behandlungen pendle und kaum noch jemanden treffe. Meine Freundin, die jetzt mit Handschuhen und Mundschutz neben mir sitzt, habe ich so sehr vermisst, dass es wie ein körperlicher Schmerz war.Aber wer schwärmt hier eigentlich vom Garten in einer Zeit, wo die meisten Menschen sich auf ihre Wohnung, Einkäufe und Arbeit beschränken müssen? Ich, 34, inklusive Kunst- und Kulturvermittlerin, Künstlerin im Bereich Lyrik und Tanz, Corona-Gefangene, Pflanzenliebhaberin, Musikverrückte, Bücherwurm, Hörbuchfreak, Tastgenießerin, Rebellin, Hobbyphilosophin, Ostseeverliebte, humorvoll, kreativ, verrückt, chaotisch, Individualistin, Ex-Globetrotterin, Liebhaberin tiefgründiger Gespräche und vieles mehr. Außerdem gelte ich als taubblind. Bei mir bedeutet das, dass ich noch einen Hell-Dunkel-Sehrest habe und auf dem rechten Ohr mit Hörgerät bei ruhiger Umgebung und wenn die Stimmlage passt noch Sprache verstehen kann. Ein funktionierendes Richtungshören habe ich allerdings nicht mehr, weil ich auf dem linken Ohr nahezu taub bin.
Eigentlich wollte ich erzählen, wie mein Alltag "normalerweise" aussieht. Aber da ich im Moment absolut nicht von einem "normalen" Alltag sprechen kann, weil sich mein Leben gerade komplett auflöst, auf den Kopf stellt und neu definieren muss, erzähle ich, was ich in dieser verrückten Zeit so anstelle. Im Moment habe ich Kopfhörer auf und die Lautstärke bis zum Anschlag hochgedreht. Anderen Leuten würden die Ohren abfallen bei dem Gedröhne, aber für mich ist es die einzige Möglichkeit, Musik so zu hören, dass es mir auch was bringt. Im Ohr habe ich eine griechische Sängerin. Als Kind bin ich regelmäßig im Urlaub in Griechenland gewesen und habe diese Kultur stärker aufgesogen, als es mir damals bewusst war. Später bin ich gern und viel gereist. In den letzten beiden Sommern war ich kurz mit Taubblindenassistenz an der Ostsee. Dieser Salzgeruch in der Luft und das Anbranden der Wellen ist eines der schönsten Naturerlebnisse, die ich mir vorstellen kann.
Mit meinen Assistenten kommuniziere ich mit dem Laptop in Verbindung mit meiner Braillezeile oder wir lormen. Das ist ein Tastalphabet für taubblinde Menschen, das von Hieronymus Lorm im 19. Jahrhundert entwickelt wurde. Es besteht aus Klopf- und Strichzeichen auf der Handinnenfläche. Jeder Buchstabe hat ein extra Zeichen. Im Moment ist mein Hauptproblem, dass ich beim Lormen keinen Abstand halten kann. Deshalb kommunizieren wir oft über den Laptop oder meine Assistentin muss Handschuhe tragen oder oft die Hände desinfizieren.
Ich bin ein sehr geselliger Mensch, am liebsten da unterwegs, wo der Bär steppt, wie man hier in Berlin sagt, also da, wo so richtig die Post abgeht und was los ist. Ich mag es auch still und beschaulich, mit Menschen, die ich so richtig gern habe. Berührungen sind mir sehr wichtig. Außer ihnen kann ich kaum etwas von Menschen wahrnehmen. Dieser direkte Kontakt ist im Moment sehr schwierig. Die letzten Wochen habe ich mich extrem einsam gefühlt und es hat mich verzweifelt gemacht, dass die meisten Menschen, die mir wichtig sind, mich meiden müssen oder wollen, weil sie Angst haben, mich anzustecken.
Aber immerhin gibt es digitale Kommunikationsmöglichkeiten. Man kann trotzdem in Kontakt bleiben. Diese kleinen Oasen sind im Moment für mich Überlebensnotwendig. Es gibt noch mehr: Die Pflanzen auf meinem Balkon zum Beispiel, grandiose Texte via Mail, Menschen mit Hilfsangeboten, Musik, spannende Bücher und die vielen kreativen Ideen, die Leute entwickeln, die ich kenne oder die mich über Mailinglisten und andere Onlineangebote erreichen. Im Vergleich zu vielen taubblinden Menschen, die keine Assistenz haben, in Werkstätten arbeiten müssen oder ohne jegliche Hilfe in ihren Familien festsitzen, geht es mir doch gut.
Ich mache mir Gedanken darüber, was noch auf uns zu kommt. Wer von meinen Freunden wird von Corona betroffen sein? Wer von den älteren Menschen, die ich kenne und mag? Oder Leute aus Risikogruppen, zu denen ich ja auch gehöre. Was wird hinterher sein? Wird man sich noch berühren können? Wenn Leute mich nicht mehr berühren oder sich nicht berühren lassen wollen, wäre das schlimm für mich. Wird in Zukunft jede Umarmung mit Angst behaftet sein, sich irgendwas einzufangen, wo sie bisher Zärtlichkeit und Zuneigung ausdrückten und einfach dazu gehört haben? Was macht das mit uns? Was bleibt von uns übrig, wenn das vorbei ist? Wird es irgendwann wirklich vorbei sein?
Gestern im Garten war ich für ein paar Stunden ganz weit weg von all diesen Fragen, als wäre ich in einem anderen Universum. Und vielleicht ist es wirklich bald ein anderes Universum, eine Vergangenheit, an die wir uns kopfschüttelnd erinnern und wie ältere Leute sagen: Weißt du noch, damals im Frühling?
(geschrieben im April 2020)
Zurück zu Interviews und Artikel
Zurück zur Startseite