Auf Holzbrettern am Hang - Skifahren ist blindes Vertrauen

Bildbeschreibung
Hier sind zwei Fotos zu sehen. Das linke Bild ist von 1995 und zeigt Katrin Dinges im Alter von 9 Jahren beim Skifahren. Auf dem Foto ist Katrin an einem Hang angehalten und wendet sich frontal auf die Kamera zu. Katrin hat Skier umgeschnallt und zwei weiße Skistöcke in der Hand. Katrins Kleidung ist sehr bunt. Sie trägt rote Skischuhe, eine knallblaue Skihose, eine rotblau gemusterte Winterjacke, bunte Handschuhe und eine blau-weiß-rote Wollmütze. Dazu trägt sie eine Sonnenbrille und schaut selbstbewusst in die Kamera.
Auf dem rechten Bild ist Katrin und Klara beim Skifahren zu sehen. Das Bild ist von 2002. Die beiden lehnen sich in eine Kurve und fahren schnell den Abhang herunter. Katrin trägt eine dunkle Skihose, eine rote Skijacke und knallblaue Handschuhe. In den Händen hält die Skistöcke. Den rechten Skistock halten Klara und Katrin in je eine Hand. Sie sind also durch den Skistock verbunden. Katrin trägt eine rote Sonnenbrille. Im Hintergrund des Bildes ist die Skipiste zu sehen mit vielen Skispuren im Schnee.
Schschscht, schschscht, schschscht rauschen die Bretter über den lockeren Untergrund. Der Schnee stäubt um meine Füße auf, die Sonne scheint und ich fühle mich einfach nur wohl in meiner Haut!
"Jetzt noch ungefähr zehn Schwünge", tönt es aus dem Funkgerät. "Den rechten immer etwas länger als den linken." Ich folge der Aufforderung.
"Okay, jetzt ausschwingen." Ich drehe mich weiter, als bei einem normalen Schwung, so weit, bis die Skier gegen den Hang gerichtet sind und das Tempo dadurch langsam ausgebremst wird, weil ich im Prinzip bergauf zu fahren versuche.
Dann bleibe ich einfach stehen und warte.
Über Funk höre ich das rauschen der Skier meines Begleiters und das Knacksen und Rappeln, wenn das Funkgerät im Rucksack auf seinem Rücken dabei hin und her geschwenkt wird. Als er an mir vorbei saust, trifft mich ein leichter Schneestoß und ein Klaps mit dem Skistock. Dann fährt mein Guide etwas weiter den Hang runter, um einen besseren Überblick über das Gelände zu haben. Ein Hinweis durch das Funkgerät und ich kann weiterfahren. Allmählich komme ich in die Kühle des Schattens. Es ist Februar und wir sind auf der Talfahrt unterwegs zurück zur Gondelstation.
Ski-Alpin bedeutet, auf schmalen holzbrettern Berge runterzurutschen, mit einem Lift oder einer Gondel wieder hochzufahren, um weiter runter zu rutschen. Klingt eigentlich langweilig, aber es ist tatsächlich jedes Mal anders! Die Hänge sind unterschiedlich steil und leicht bis schwierig zu befahren - von grün (blutige Anfänger) über blau (Anfänger mit Vorkenntnissen) und rot (Mittelstufe bis Fortgeschrittene) bis schwarz (Fortgeschrittene, da geht's ans Eingemachte, nichts für schwache Nerven!).
Ich bin eigentlich alles gefahren, aber Schwarz kann wirklich gefährlich und herausfordernd werden, v.a. wenn der Schnee stellenweise zusammengeschoben und die Piste vereist ist. Es gibt auch leichtsinnige Zeitgenossen, die abseits der Pisten im Tiefschnee fahren, aber das habe ich nie ausprobiert.
Natürlich kann ich die anderen Skifahrer*innen nicht sehen bzw. konnte ich sie nie gut sehen. Anfangs bin ich hinter dunkel gekleideten hergefahren oder wurde von Erwachsenen zwischen die Beine bzw. Skibretter genommen (Das fand ich am schönsten, weil es dann auch mal richtig schnell werden konnte, ohne dass ich mich darauf konzentrieren musste, irgendwo gegenzufahren). Später bin ich auf Zuruf bzw. mit Funk gefahren. Einmal in der Schweiz als junge Erwachsene auch mit langen Stangen zum festhalten, so dass die Lehrerin mich ohne Sprache ganz direkt dirigieren konnte. Sie hat die Stangen hinten festgehalten, ich vorne und dann hat sie immer eine Stange zurückgezogen und die andere nach vorn geschoben, so dass ich wusste, in welche Richtung ich die Kurven fahren sollte. Das war echt schön, weil ich mich nicht auf die verbalen Anweisungen konzentrieren musste.
So oder so: Skifahren als blinder Mensch braucht buchstäblich blindes Vertrauen in den Guide. Vor allem bei hoher Geschwindigkeit muss dieses bedingungslose Vertrauen stark da sein, denn sonst verkrampft man sich vor Angst und baut leicht Unfälle oder stürzt, wenn sich die Skier verkanten oder der Schwung durch ungeschicktes Verhalten plötzlich ausgebremst wird!
Warum ich das überhaupt mache? Weil es Spaß macht und eine tolle Herausforderung ist; aber eigentlich habe ich mich gar nicht bewusst für diesen Sport entschieden. Meine Familie hat ihn betrieben. Ich war sechs, habe einfach mitgemacht und es hat mir gefallen! Danach war ich immer wieder gern dabei. Trainiert habe ich mit meinen Eltern und im Ski-Einzelunterricht, aber auch vorbereitend schon ein paar Wochen vor dem Skiurlaub zu Hause (Skigymnastik mit meiner Mutter, damit der Muskelkater nicht ganz so fies ausfiel).
Vor allem gefällt mir am Skifahren, dass ich mich frei in der Natur bewege (na ja, Natur? okay, im Freien). Ich finde es toll, einen Sport zu betreiben, bei dem die Anstrengung nicht so stark spürbar ist. (Oft merkt man erst im Hotel oder in der Jugendherberge, dass man sich eigentlich gar nicht mehr rühren kann!) Ich mag das Gefühl, bei einer Talfahrt oder im Nebel oder bei leerer Piste, mit meinem Guide ganz allein auf der Welt zu sein und einfach losbrettern zu können, wie es gerade kommt. Das Zusammensein mit anderen, das komplette Vertrauen können ist wirklich ein Genuss, wenn auch unumgänglich.
Aber es gibt auch damit verbundene Umstände, die mir nicht so gut gefallen.
Zum Beispiel hasse ich Gondeln! Dieser Lärm in den Stationen, das Warten-müssen, während die anderen die Skier und Stöcke in die Halterungen stecken und immer unterschwellig die Angst, nicht mitzukommen, die Enge in den Kabinen ... Scheußlich! Auch Skilifte sind mir suspekt und die vielen Menschen und die überfüllten Skihütten, in denen wir mittags meistens Pause machen, gehen mir manchmal auf die Nerven. Dazu kommt, dass man in den steifen Skischuhen kaum laufen kann - man braucht sie aber leider, damit man auf den Skiern genügend Halt hat. Und dann ist da noch ein schlagkräftiges Argument gegen das Skifahren: Es ist wirklich ein gefährlicher Sport, bei dem leicht Unfälle passieren können. Wir hatten in der Gruppe schon alles, von gebrochenen Haxen bis zu ausgerenkten Schultern. Ich selbst bin in all den Jahren abgesehen von ein paar blauen Flecken und mal einem gezerrten Fuß echt gut davon gekommen, obwohl ich zum Beispiel auch schon von einem anderen Skimenschen mit Tomaten auf den Augen über den Haufen gefahren wurde, nach zu starkem Ausführen einer Anweisung gegen einen Zaun gerast bin und mich ein anderes Mal bei hoher Geschwindigkeit so verkrampft habe, dass es mich und meinen Skilehrer mit voller Wucht reingehauen hat, weil sich die Skier ineinander verkeilt hatten.
Stürze, vor allem im Neuschnee, gehören dazu und können sogar manchmal lustig sein: Man sortiert halt die Skier und Stöcke, rappelt sich wieder auf und weiter geht's.
Leute, die diesen Sport machen wollen, sollten sich gern im Freien bewegen, Geschwindigkeit mögen, anderen Menschen bedingungslos vertrauen können, Lust am Sport haben, Kondition mitbringen oder vorher erwerben, gutes Material besitzen oder anschaffen und gute Vorbereitung einplanen, z.B. Skigymnastik.
Geld sollte auch vorhanden sein, denn allein Skipässe sind teuer, Skiunterricht meistens noch mehr. Gute Begleitung ist ebenfalls eine unbedingt notwendige Voraussetzung, denn alleine sollte man das aus Sicherheitsgründen wirklich nicht machen, auch nicht mit einer/einem einzelnen erfahrenen Skipartner/in, denn die*der kann dann fast gar nicht für sich fahren und das ist auf Dauer sehr anstrengend. Die Leute, die einen anleiten/führen, sollten starke Nerven haben und mit Stress gut umgehen können, denn andere Skifahrer*innen achten nicht unbedingt auf das, was um sie herum passiert, Skischulgruppen auch oft nicht und Anfänger*innen noch weniger - die haben genug damit zu tun, aufrecht den Hang runterzukommen, statt ständig kopfüber im Schnee zu landen.
In der Schweiz muss man sogar eine Markierungsweste tragen, um die anderen Skifahrer*innen darauf aufmerksam zu machen, dass man nicht gucken kann, damit sie Rücksicht nehmen. Dort gibt es sogar eine spezielle Ausbildung für Skilehrer*innen, die blinde Schüler*innen annehmen wollen.
Fazit: Skifahren ist ein toller Ganzkörpersport (wie Schwimmen, Reiten oder Nordic Walking), bei dem man zusammen mit anderen an frischer Luft viel Spaß hat und die Anstrengung gar nicht so spürt. Ein wirklich schöner, aber auch teurer Sport! Es braucht viel Organisation, Geld, Kondition, Guides und gut präparierte Pisten. Ein umweltverträglicher Sport ist das Skifahren allerdings nicht gerade: Allein der ganze Strom, der für Gondeln, Skilifte und Co gebraucht wird und dazu die Rodung der Wälder und das Plattwalzen der Vegetation. Großen Spaß macht es trotzdem und da ich damit aufgewachsen bin, hat es für mich eine Art Selbstverständlichkeit bekommen.
Die Sonne ist untergegangen und es wird langsam kühl. Allmählich ist die Anstrengung, die ich den Tag über hinter mich gebracht habe, doch spürbar.
Die letzte Talfahrt neigt sich dem Ende zu. Noch eine kurze Schussstrecke, bremsen, dann drückt mein Begleiter mit dem Skistock hinten auf die Verriegelung meines Skis. Ich ziehe den Schuh heraus, stütze mich auf die Skistöcke und löse mit der Schuhspitze die Verriegelung des anderen Schuhs. Wir schlagen das verkrustete Schnee-Eis-Gemisch von den Skiern, lege sie mit den Kufen aneinander und binden sie zusammen. Erst jetzt spüre ich die Erschöpfung wirklich. Ich freue mich nur noch auf das Ausruhen im Hotel, die Dusche und ein kräftiges Abendessen. Aber ich weiß, dass ich morgen wieder mit Begeisterung auf den Brettern stehen werde, um einen neuen Tag lang die Pisten runterrutschen und die Sonne genießen zu können.
(geschrieben im Januar 2019)
Zurück zu Interviews und Artikel
Zurück zur Startseite